Der therapeutische Prozess

 

Die psychologische Therapie (besser: der therapeutische Prozess) wird bei jeder Klientin und bei jedem Klienten unterschiedlich aussehen. Aus diesem Grunde ist es nur möglich, allgemeine Prinzipien zu skizzieren, die Ihnen eine Vorstellung davon vermitteln sollen, was Sie in der Therapie erwartet.

Anamnese/Diagnose: Zunächst bin ich als Therapeut auf Ihre Aussagen angewiesen. Sie schildern die Art Ihrer Beschwerden ("Symptome"), Ihr privates und berufliches Umfeld, wichtige Stationen Ihrer Entwicklung (Kindheit, Jugend). Dieser Abschnitt steht am Anfang der Therapie, jedoch wird im Laufe der Behandlung auf einzelne Punkte genauer eingegangen werden.

Mögliche Ursachen für psychische Probleme gibt es wie Sand am Meer - beginnend mit Belastungen in der Vergangenheit, über eine momentane Ratlosigkeit (Arbeitslosigkeit, Beziehungskrisen, …), bis hin zu ungewissen bzw. bedrohlichen Zukunftsaussichten. Da der junge Mensch sehr lernfähig ist, speichert er auch ungünstige Lebenserfahrungen (z.B. Traumata u.a.) sehr dauerhaft ab. Da aber unser bewusstes Erleben immer nur einen winzigen Ausschnitt ("Guckloch") repräsentiert, verbleibt der Großteil an Erfahrungen im Unbewussten, von wo aus es jedoch immer wieder unsere Gefühlswelt und sogar unser Verhalten zu stören vermag.

Bisherige Behandlungsversuche: Sie schildern, was Sie selbst bisher unternommen haben, um ihre verloren gegangene Lebensqualität wieder zu gewinnen. Menschen sind dabei oft sehr kreativ und können über weite Strecken gute Erfolge erzielen. Irgendwann gelingt es jedoch nicht.

Die zwei Experten: Der Klient ist ein Experte! Ja natürlich! Niemand kennt sein Leben besser, als er oder sie selbst -in allen Nuancen, alle geheimen Sehnsüchte, und vieles andere. Genauso ist der Therapeut ein Experte/Expertin: Durch das Studium - in dem er/sie sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse aneignet und reflektiert - aber auch aufgrund einer langen Erfahrung mit verschiedensten (leichten und schweren) Fällen. Diese beiden Experten wirken kooperativ auf ein Ziel hin.

Medikamente? Eine übertriebene Angst vor Medikamenten ist genau so fehl am Platz wie eine blinde Heilserwartung. Häufig können sich Medikamente und die psychologische Behandlung gegenseitig sehr gut unterstützen, und manchmal werden sie sogar unverzichtbar sein. Grundsätzlich obliegt die Verschreibung von Medikamenten Ärzten, die Sie natürlich auch über eventuelle Nebenwirkungen aufklären werden.

Körper - Psyche: "Das hatte auch mein Vater/meine Mutter schon!" Ist es deswegen vererbt? Natürlich gibt es eine gewisse "Veranlagung", wichtiger jedoch ist die Entwicklung des Menschen, wobei die Ergebnisse der Auseinandersetzung mit der Umwelt (z.B. Eltern/Schule/Freundinnen) im Gedächtnis und körperlich "niedergeschrieben" werden. Man bezeichnet dies als Lernprozess, der ein Leben lang stattfindet. Aus einem solchen Konzept resultiert die Chance für Menschen, auch neue, positive, korrigierende Erfahrungen zu machen und als solche abzuspeichern (z.B. in der Therapie, aber auch im Alltag, im geselligen Beisammensein, bei Wanderungen, u.v.a.).

Das Ziel: Für die meisten Menschen, die sich in Psychotherapie begeben, wird zu Recht die Beseitigung einer subjektiven Beeinträchtigung - depressive Stimmung, Ängste, Schlafstörungen o.ä. - im Vordergrund stehen. Eine andere Gruppe sieht ihr Problem in mangelhaft ausgeprägten Fähigkeiten - wie Kontaktfähigkeit, Durchsetzungsfähigkeit, oder der Beherrschung einer Sucht -, andere wiederum stehen einer "übermächtigen Umwelt" gegenüber (schwierige Partner, unsichere Arbeitsstelle, u.a.). Auch je nach Problemlage unterscheiden sich demnach die Therapien.

Positive Veränderung - das eigentliche Ziel jeder Therapie - kann auf vielfältige Weise erreicht werden. Manches Mal kommt man im Gespräch selbst zu überraschenden Einsichten, manches Mal gelingt die Lösung alter Probleme, manches Mal riskieren Menschen einen ersten (kleinen) Schritt in eine neue Richtung (neue Kontakte, neue Hobbies …), manches Mal hilft die vertrauensvolle Beziehung über eine akute Krise hinweg oder stärkt das schwache Selbstbewusstsein; "blinde Flecken" werden aufgelöst, psychologisches Fachwissen kann helfen Symptome zu verstehen, oder man begegnet Automatismen durch Entwicklung von Alternativen … Immer aber gilt: Man muss diese positiven Veränderungen auch sehen lernen!

Eigenaktivität: "Wenn Sie aufwachen ist der Blinddarm weg" - ungefähr das Gegenteil davon ist Psychotherapie!! Sie werden selbst sehr aktiv sein, und alles sehr bewusst verfolgen (… denn ändern können nur Sie sich selbst). Der Therapeut weiß aus Erfahrung wie es gehen könnte, gibt Hilfestellung, greift gelegentlich korrigierend ein, etc. Die Eigenaktivität der PatientInnen besteht im Sich-Besinnen, im kreativen Denken, im Versuch sich zu spüren (körperliche Empfindungen als Anzeichen für Wohlbefinden oder Diskrepanzen), im Ausprobieren, im Einüben, im Zugeben, im Widersprechen, im Zeit-nehmen, im Sich-selbst-Wertschätzen, im Überwinden, …

Ende der Therapie: Es liegt im Wesen der menschlichen Existenz und der gesellschaftlichen Entwicklung, dass immer neue Probleme aufgeworfen werden und die Zukunft ungewiss bleiben muss: Eine Therapie könnte demnach ein ganzes Leben lang weiter gehen. Um dieser "Falle" zu entgehen ist es wichtig, eine Beendigung der Therapie ständig "in Evidenz" zu halten. Rein pragmatisch sehe ich den Schlusspunkt einer Therapie dann gegeben, wenn Sie das Gefühl haben, wieder ohne therapeutische Begleitung leben zu können und zu wollen. Bei lang andauernden Therapien ist auch die Gefahr einer Abhängigkeit vom Therapeuten nicht zu unterschätzen. Es gibt auch PatientInnen, die auf die aktive Beendigung durch den Therapeuten warten. Ich möchte daher alle PatientInnen ausdrücklich ermutigen, das Gespräch über ein eventuelles Therapieende zu suchen, wenn Sie den Eindruck haben, dass Ihr persönlicher Fortschritt in keinem rechten Verhältnis zum Aufwand (zeitlich, finanziell) mehr steht.